Epigenetisches Gedächtnis für Tabakkonsum

5. November 2020 | Von | Kategorie: grundlagenforschung

Sophie Rousseaux et al.: Immediate and durable effects of maternal tobacco consumption alter placental DNA methylation in enhancer and imprinted gene-containing regions. BMC Medicine 18:306, 07.10.2020.

Dass es der Gesundheit des menschlichen Nachwuchses in vielerlei Hinsicht schaden kann, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht, ist bekannt. Das Gift, das in den Zigaretten enthalten ist, beeinflusst mitunter den Verlauf der Schwangerschaft oder beeinträchtigt das Wachstum des Fetus. Später im Leben haben die Kinder ein erhöhtes Risiko für Krankheiten der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems. Sogar die Krebsgefahr ist erhöht. Nun gibt es Hinweise, dass zumindest ein Teil der schädlichen Wirkung via Epigenetik übertragen wird und sich sogar dann noch auswirkt, wenn die Mutter deutlich vor der Schwangerschaft mit dem Rauchen aufgehört hat.

Mehrere Studien konnten bereits zeigen, dass der Tabakkonsum der Mutter epigenetische Veränderungen der Zellen des Nachwuchses auslöst und so für manche der Folgen mitverantwortlich sein dürfte (siehe z. B. Newsletter Epigenetik 3/2014). Nun hat sich ein französisches Team von Mediziner*innen und  Epigenetiker*innen in der bislang größten Studie ihrer Art die Epigenetik der Plazentas von 568 Schwangeren angeschaut. Das auch Mutterkuchen genannte Organ gilt als gute Informationsquelle, wenn es um die Bewertung direkter Umwelteinflüsse auf den Fetus geht. Immerhin entsteht es gemeinsam mit dem Embryo aus dessen ersten Zellen. Es ist seine Aufgabe, das neue Leben zu versorgen. 

Besonders interessant ist dabei der Vergleich dreier Gruppen: Mütter, die niemals rauchten, Mütter, die das Rauchen mindestens drei Monate vor der Schwangerschaft beendeten, und solche, die weitergeraucht haben. An 203 Stellen wird das Plazenta-Genom der Raucherinnen nach der neuen Analyse epigenetisch anders reguliert als jenes der Nichtraucherinnen. Spannenderweise sind darunter sogar 26 Stellen, die auch dann noch verändert sind, wenn es sich um eine der Ex-Raucherinnen handelt.

Das veränderte epigenetische Muster scheint die Regulation einer Reihe von Genen zu betreffen, die wichtig für eine gesunde Entwicklung des Kindes sind. Und eine jener 26 Stellen, die auch bei den Ex-Raucherinnen noch verändert waren und von den Forscher*innen deshalb als „Gedächtnis der Tabakexposition“ bezeichnet werden, befindet sich in direkter Nachbarschaft eines Gens, das eine tragende Rolle für das Wachstum des Kindes hat. „Unsere Ergebnisse liefern wichtige Informationen für die öffentliche Gesundheitsvorsorge. Denn sie legen nahe, dass es sogar dann langanhaltende Effekte für den Nachwuchs haben kann, wenn junge Frauen vor einer Schwangerschaft mit dem Rauchen aufhören“, schreiben die Autor*innen. Rauchende Väter seien aber ebenfalls gewarnt. Auch ihr Laster könnte die Gesundheit des Nachwuchses negativ prägen – indem es das Epigenom der Spermien verändert.

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