Als Autor von www.newsletter-epigenetik.de und SporksScienceNews erhalte ich in letzter Zeit erstaunlich oft Anfragen zum sogenannten Epigenetik-Coaching. Viele Menschen überlegen, sich entsprechend ausbilden zu lassen. Meistens wird dabei konkret nach dem Angebot der Firma HealVersity gefragt.
Ein erster Blick auf die Website sorgt für Stirnrunzeln. Nicht nur, dass sich dort etliche Formulierungen finden lassen, die an Texte aus meinen Büchern, Artikeln oder diesem Newsletter erinnern. Geschenkt auch, dass das Wort „Epigenetik“ teilweise falsch geschrieben ist – das passiert mir selbst oft genug. Aber dass mit dem Zertifikat einer vermeintlich seriösen Fachgesellschaft geworben wird (Deutsche Gesellschaft für Naturstoffmedizin, funktionelle Medizin und Epigenetik), deren 1. Vorstand, Manuel Burzler ist, gleichzeitig einer der beiden Inhaber von HealVersity, ist ein klarer Hinweis darauf, dass es sich hier schwerlich um ein seriöses Angebot handeln kann.
Weil mir keine Zeit für eine tiefere Recherche blieb, war ich bislang bei meinen Antworten auf die Anfragen nach der Ausbildung, aber auch nach der Evidenz bezüglich des Coachings selbst, eher vorsichtig. Hier ein Beispiel: „Ich gebe offen zu, dass ich mich mit der Antwort auf Ihre Frage etwas schwer tue. Epigenetik befindet sich derzeit noch auf der Ebene der Grundlagenforschung. Es gibt keine praktischen Anwendungen dieser Wissenschaft – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man von einem Epigenetik-Coaching sprechen könnte. Mein Eindruck ist, dass hier vergleichsweise herkömmliche Coaching-Methoden unter einem neuen Label verkauft werden sollen, weil sie dann vielleicht attraktiver erscheinen. Zur Qualität der eigentlichen Inhalte eines solchen Coachings kann ich gar nichts sagen, da ich sie nicht kenne.“
Jetzt hat mir das fantastische Team der Kollegen Maximilian Doeckel und Jonathan Focke – vom Medium Magazin auf die Liste Deutschlands wichtigster Wissenschaftsjournalistïnnen des Jahres 2023 gewählt – die Arbeit abgenommen. Als Quarks Science Cops gingen sie in ihrem 69. Video-Podcast der Frage nach, was Epigenetik-Coachings taugen und knöpften sich speziell den „Fall HealVersity“ vor. Das Resultat, unterhaltsam und informativ in 77 Minuten präsentiert, ist absolut empfehlenswert.
Alle, die sich mit Epigenetik beschäftigen, sollten das gesehen haben. Einziger Wermutstropfen: Im Versuch, sich besonders deutlich von den teils absurden Heilsversprechen und wissenschaftlich nicht begründbaren Aussagen aus der HealVersity-Welt abzugrenzen, schießen die „Cops“ manchmal übers Ziel hinaus – oder sind schlicht nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Es stimmt zwar, dass es noch kaum Hinweise auf kausale Zusammenhänge zwischen epigenetischen Veränderungen und daraus resultierenden Erkrankungen gibt. Auch ist korrekt, dass sehr viele der spannenden Erkenntnisse bislang nur aus Tierversuchen stammen. Aber exakt an diesen Punkten hat sich seit einigen Jahren etliches verändert.
Es gibt inzwischen durchaus Interventionsstudien, die zeigen wie Lebensstilfaktoren unsere epigenetische Uhr und damit das Tempo der biologische Alterung oder auch die Epigenetik in bestimmten Geweben verändern. Und es gibt eine so enorme Fülle an gut gemachten Studien bei verschiedensten Arten von Nagetieren inklusive paralleler Beobachtungen in menschlichen Zellkulturen und epidemiologischen Studien, dass niemand mehr ernsthaft daran zweifeln kann, dass epigenetische Veränderungen das Risiko der verschiedensten komplexen Krankheiten beeinflussen – und nicht nur umgekehrt eine Folge dieser Krankheiten sind.
Fest steht aber auch: Abgesehen von einigen wenigen medikamentösen Therapien sind diese Erkenntnisse derzeit noch meilenweit davon entfernt, gezielt im Sinne eines Coachings Anwendung beim Menschen zu finden. Dinge wie Ernährungsberatung, Physio- oder Psychotherapie als Epigenetik-Coaching zu verkaufen, ist also Unfug. Das heißt aber nicht, dass diese Interventionen nicht auf irgendeine Art epigenetisch wirken und vor allem, dass sie die Gesundheit der Menschen nicht auch unterstützen können.
Anmerkung vom 08.04.2026: Diese Meldung war lange Zeit nicht öffentlich sichtbar, da eine darin erwähnte Firma gerichtlich gegen die Veröffentlichung sowie einen darauf Bezug nehmenden Newsletter vorgegangen ist. Mittlerweile wurden in dieser und in einer verwandten Angelegenheit vier Urteile gesprochen, die alle keinen Grund dagegen sehen, diese Inhalte in dieser Form zu veröffentlichen. Folgerichtig sind diese Meldung sowie der Newsletter Sporks Science News #109 ab heute wieder verfügbar.
Zwar gaben mir alle Urteile in vollem Umfang recht, aber die entstandenen Kosten überschritten den Betrag, den die Gegenseite erstatten musste, um einige tausend Euro.
Möchten Sie die Arbeit an diesem Projekt unterstützen, das Ihnen seit 16 Jahren kostenlose Informationen über wichtige wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen rund um eines der spannendsten Forschungsgebiete unserer Zeit – die Epigenetik – liefert und in dieser Datenbank speichert? Dann unterstützen Sie mich gerne über das Förderfeld im unteren Teil meiner Autorenseite bei RiffReporter.
Vielen Dank
Ihr Peter Spork
