Gebt werdenden Müttern mehr Geld

Neue Studie zeigt, dass Geld gegen Vernachlässigung von Kindern hilft.
Werden Säuglinge gewaltfrei groß, sind sie später im Leben resilienter gegen viele Krankheiten. (Bildrechte: Depositphotos / Andrey_Kuzmin)

Sumit Agarwal et al.: Cash transfers in the perinatal period and investigations of infant maltreatment. JAMA Pediatrics, 07.05.2026, Online-Vorabpublikation.

In den 1980er Jahren entwickelten der Brite David Barker und der Deutsche Günter Dörner unabhängig voneinander die Theorie, dass frühe kindliche Prägungen eines Menschen das Risiko für spätere Krankheiten beeinflussen. Besonders wichtig sei die perinatale Phase, also die Zeit im Mutterleib und die ersten beiden Jahre nach der Geburt – kurz: die ersten 1000 Tage.

Dank der Epigenetik sind längst zugrundeliegende molekularbiologische Prozesse bekannt, sodass auch auf newsletter-epigenetik.de schon häufig über perinatale Programmierung berichtet wurde. Epigenetische Veränderungen an und neben der DNA von Körperzellen wirken demnach wie ein Gedächtnis der Zellen für Umwelteinflüsse. Kinder werden in die Umwelt ihrer Eltern hinein geprägt.

Vernachlässigung und Gewalt in frühester Kindheit verstellen zum Beispiel die Art, wie wir auf Stress reagieren und erhöhen oft das Risiko für viele Leiden: Darunter sind Stoffwechselkrankheiten wie Typ-2-Diabetes und Adipositas samt Folgeerkrankungen an Leber, Herz und Co sowie eine Vielzahl psychischer Leiden, etwa Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen. Aus Tierversuchen, aber auch aus epidemiologischen Studien bei Menschen sind diese Zusammenhänge lange bekannt.

Prävention in den ersten 1000 Tagen

Krankheitsprävention in den ersten 1000 Tagen dürfte also besonders effektiv und nachhaltig sein. Und zu den wirksamsten Maßnahmen dürfte gehören, Gewalt und Vernachlässigung zu verringern. Dass das leicht umzusetzen und erstaunlich effektiv ist, belegt nun eine Studie von Gesundheitsforschenden der University of Michigan, Ann Arbor, USA. Sie analysierten, was passiert, wenn werdende Mütter finanziell unterstützt werden.

Im Jahr 2024 startete in Michigan in der armen Stadt Flint ein Programm namens Rx Kids.  Schwangere Frauen konnten sich anmelden und erhielten danach 1500 US-Dollar sowie im ersten Jahr nach der Geburt ihres Kindes weitere 500 Dollar pro Monat. Fast alle Betroffenen – egal ob reich oder arm – beantragten die Mittel.

In den Jahren zuvor wurde laut Erhebungen ein gutes Fünftel aller Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten vernachlässigt oder erlebte Gewalt – ein typischer Wert für jene Städte in Michigan, in denen viele armutsbetroffene Menschen leben. Der Durchschnitt im gesamten Staat liegt bei etwa einem Zehntel der Kinder.

585 Milliarden Dollar pro Jahr

Dass Armut aus vielen Gründen verantwortlich dafür ist, dass sich Eltern im Mittel schlechter als andere um ihre Kinder kümmern, ist bekannt. Dazu passt auch der Erfolg von Rx Kids: Gewalt gegen Säuglinge und deren Vernachlässigung sank um 32 Prozent auf einen Wert von etwa 15 Prozent. Der Abstand zum Michigan-Durchschnitt hatte sich halbiert, während die Zahlen in armen Vergleichsstädten unverändert hoch blieben.

Gut 1000 Mütter und Kinder waren in den Genuss der Finanzspitze gekommen. Statistisch hat das Programm 57 dieser Kinder vor schlimmen frühkindlichen Erfahrungen bewahrt. Angesichts der gesamtgesellschaftlichen Kosten, die durch Vernachlässigung von Kindern in den USA entstehen sollen, scheinen die knapp acht Millionen Dollar äußerst gut angelegt: Jeder einzelne Fall soll das Land alleine im Jahr 2025 1,1 Millionen Dollar gekostet haben. Alle Fälle zusammen bringen es auf geschätzte 585 Milliarden Dollar pro Jahr.