Prägung auf den Feind

21. September 2015 | Von | Kategorie: grundlagenforschung

Sophie St-Cyr & Patrick O. McGowan. Programming of stress-related behavior and epigenetic neural gene regulation in mice offspring through maternal exposure to predator odor. Frontiers in Behavioral Neuroscience 9:145 06/2015, doi: 10.3389/fnbeh.2015.00145.

Anhaltender Stress während der Trächtigkeit von Versuchstieren oder in der Phase kurz nach der Geburt verändert auf epigenetischem Weg die spätere Stressregulation des Nachwuchses. Das wurde bereits in vielen Studien untersucht, und es gibt deutliche Hinweise, dass ähnliche Zusammenhänge auch beim Menschen existieren. Jetzt haben kanadische Verhaltensepigenetiker den Zusammenhang auf eine besonders nachvollziehbare, weil vergleichsweise natürliche Weise untersucht: Riecht die Mutter immer wieder den Geruch von Feinden, überträgt es seine Furcht offenbar per epigenetischer Prägung auf die im Mutterleib heranreifenden Nachkommen.

Patrick McGowan und Sophie St-Cyr setzten trächtige Mäuse in der zweiten Schwangerschaftshälfte täglich für eine Stunde dem Geruch von Rotfüchsen oder Kojoten aus. Die Tiere der nächsten Generation, deren Stressregulationssystem genau zu dieser Zeit ausreifte, reagierten daraufhin als Erwachsene besonders furchtsam auf Raubtiergeruch. Begleitet wurde dieses Verhalten von messbaren epigenetischen Veränderungen im Gehirn. Die Nachkommen einer Kontrollgruppe verhielten sich hingegen völlig normal. Am ausgeprägtesten war der Effekt bei den weiblichen Tieren. Sie reagierten auf den feindlichen Geruch sogar mit einer verstärkten Ausschüttung von Corticosteron, einem bei Nagetieren besonders wichtigen Stresshormon.

Offenbar reiche es bereits aus, wenn nur die trächtige Mutter ein Raubtier rieche, um die Stressregulation des Nachwuchses zeitlebens zu verändern, folgern die Forscher aus ihrem Experiment. Dass weibliche Nachkommen dabei noch empfindlicher reagierten, sei womöglich ebenfalls biologisch gewollt und liefere eines Tages vielleicht sogar eine Erklärung dafür, warum beim Menschen Frauen ein erhöhtes Risiko besitzen, eine affektive Störung wie eine Depression zu entwickeln.

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