Paradigmenwechsel in der Krebsforschung?

17. Februar 2016 | Von | Kategorie: onkologie

Charles K. Kaufman et al.: A zebrafish melanoma model reveals emergence of neural crest identity during melanoma initiation. Science 351, 29.1.2016, aad2197.

Soufiane Boumahdi & Cédric Blanpain: Tracking the origins of tumorigenesis. Science 351, 29.1.2016, S. 453-454.

Eine alte Idee besagt, dass Krebs aus einem Zellverbund mit vielen genetisch bereits verwandelten, sich aber noch nicht aggressiv teilenden Zellen heraus entsteht. Den Beginn der Krankheit markiert danach eine einzige Zelle aus diesem „kanzerisierten Feld“, die beginnt, sich aggressiv zu teilen. Jetzt konnte ein internationales Forscherteam diese Theorie für Melanome bestätigen. Vor der ersten bösartigen Zellteilung steht danach in einer einzigen von vielen mutierten Zellen ein epigenetisch gesteuerter Reprogrammierungsschritt zurück in ein Art Stammzelle. Da die Erkenntnisse nach Auskunft der beteiligten Forscher womöglich nicht nur für Melanome sondern für sämtliche Krebsarten gelten, sprechen sie von einem Paradigmenwechsel in der Krebsforschung.

Charles Kaufman vom Boston Children`s Hospital und Kollegen beobachteten Zebrafische, denen ein mutiertes menschliches Gen eingepflanzt worden war, das typisch für Melanome ist. Außerdem war das wichtige Krebs unterdrückende Gen p53 ausgeschaltet. Und ein weiteres Gen namens crestin, das nur bei nicht ausgereiften Zellen oder in Melanomen abgelesen wird, war so verändert, dass eine Zelle zu leuchten begann, sobald etwas dieses Gen aktivierte. Aufgrund der Mutationen existierten reichlich kanzerisierte Felder in den Geweben der Fische, aber anfangs kein Krebs. Doch manchmal begann plötzlich eine Zelle zu leuchten, und dann schauten die Forscher genau hin: Die Zellen fingen schlagartig an, sich zu teilen und aggressiv zu wuchern. Sie „wurden in hundert Prozent der Fälle Tumore“, sagt Leonard Zon, einer der Leiter der Studie in einer Pressemitteilung.

Molekularbiologische Analysen ergaben, dass die entarteten Zellen mit Hilfe epigenetischer Verstärkerelemente (Super-Enhancer) in ein frühes, embryonales Stadium zurückprogrammiert worden waren. Dabei wurden neben crestin auch andere Mitglieder einer Gruppe von Genen aktiviert, die auch beim Menschen typisch für Vorläuferzellen der Neuralleiste sind. Erst dank dieses epigenetischen „Schlüsselerlebnisses“ hatten die mutierten Zellen ihre Teilungsfähigkeit wiedererlangt und wurden bösartig. Eine neue Art der Krebsdiagnostik könne in Zukunft gezielt nach den aktiven Super-Enhancern Ausschau halten und entartete Zellen besonders früh erkennen, hoffen die Forscher. Außerdem könne man Krebs im Keim ersticken, gelinge es eines Tages, die Super-Enhancer gezielt zu blockieren.

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