Neuer Blick aufs Krebs-Epigenom

3. Februar 2016 | Von | Kategorie: onkologie

Christopher C. Oakes et al.: DNA methylation dynamics during B cell maturation underlie a continuum of disease phenotypes in chronic lymphocytic leukemia. Nature Genetics, 18.01.2016, Online-Vorabpublikation.

Niemand zweifelt mehr daran, dass sich Krebszellen und gesunde Zellen nicht nur genetisch sondern auch epigenetisch voneinander unterscheiden. Es ist sogar weitgehend anerkannt, dass die Unterschiede zwischen einem normalen Epigenom – also der Gesamtheit der epigenetischen Schalter einer gesunden Zelle – und einem Krebs-Epigenom mitverantwortlich sein können für die Aufrechterhaltung, Aggressivität und mitunter sogar Entstehung von Krebs. Doch jetzt versetzte ein deutsch-amerikanisches Forscherteam unter Ko-Leitung des Epigenetikers und Mitherausgebers dieses Newsletters Christoph Plass vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, dieser Sichtweise einen Dämpfer.

Die Forscher analysierten systematisch die Muster der DNA-Methylierung der Krebszellen von 268 Patienten mit Chronisch Lymphatischer Leukämie (CLL) und verglichen diese mit den epigenetischen Mustern gesunder Immunzellen vom Typ B, also jener Zellen, die bei dieser Krebsart entarten. Neu war dabei, dass die Forscher sich gesunde B-Zellen vieler verschiedener Reifegrade vorknöpften. Überraschenderweise zeigte sich nun, dass die meisten epigenetischen Unterschiede zwischen Krebszellen und gesunden Zellen sowie zwischen verschiedenen Krebszellen nicht etwa krebstypisch sind sondern schlicht darauf zurückzuführen sind, dass die ersten Tumorzellen von B-Zellen in unterschiedlichem Entwicklungsstadium abstammten. Die Epigenome, die für das jeweilige Stadium typisch sind, werden demzufolge im Leben als Krebszelle weitgehend beibehalten. „Bis vor kurzem war es technisch einfach nicht möglich, die einzelnen Reifestadien so detailliert zu untersuchen, wie wir es jetzt gemacht haben“, wird Christoph Plass in einer Pressemitteilung zitiert.

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass sich Leukämien umso besser mit herkömmlichen Mitteln bekämpfen lassen, je später im Zuge der B-Zell-Entwicklung sie entstanden sind. Mit Hilfe eines epigenetischen Tests lässt sich in Zukunft also vielleicht der Therapieerfolg vorhersagen. Außerdem entdeckten die Forscher einige wenige epigenetische Veränderungen, die tatsächlich charakteristisch für den Krebs sind. Die Zellen bilden diese erst im Anschluss an ihre Entartung aus. Welche Bedeutung die Veränderungen haben und ob sie sich womöglich als potenzielle Ansatzpunkte für vergleichsweise zielgerichtete epigenetische Therapien eignen, möchten Plass und Kollegen als nächstes prüfen. Bisherige, eher wahllos agierende Therapiekonzepte, beispielsweise mit Mitteln, die auf breiter Front die Methylierung der DNA behindern, sollten angesichts der neuen Erkenntnisse jedenfalls hinterfragt werden.

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