Medikament lindert Folgen von Vernachlässigung

5. September 2019 | Von | Kategorie: grundlagenforschung

Samantha M. Keller, Tiffany S. Doherty & Tania L. Roth: Pharmacological manipulation of DNA methylation normalizes maternal behavior, DNA methylation, and gene expression in dams with a history of maltreatment. Scientific Reports 9, 16.07.2019, 10253.

In den ersten Tagen nach der Geburt verbringen mütterliche Ratten sehr viel Zeit mit der Fellpflege ihres Nachwuchses. Für eine gesunde Entwicklung der Jungtiere ist dieses licking and grooming-Verhalten wichtig.(Bildrechte: Eric Isselee / shutterstock)

Nagetiere sind hervorragende Modelltiere, wenn es um die grundliegende Erforschung der frühkindlichen Prägung geht. Eine Menge Studien, über die oft auch an dieser Stelle berichtet wurde, legen bereits nahe, dass für die Prägung epigenetische Veränderungen maßgeblich sind. Dennoch gelang es bisher nicht, die negativen Folgen frühkindlicher Vernachlässigung bei bereits erwachsenen Tieren mit Hilfe epigenetisch aktiver Medikamente rückgängig zu machen. Diesen wichtigen Nachweis lieferten nun drei Hirnforscherinnen von der University of Delaware in Newark, USA.

Samantha Keller und Kolleginnen zeigten zunächst, dass Ratten, die als Neugeborene vernachlässigt worden waren, ihren eigenen Nachwuchs oft selbst vernachlässigen. Einer der Auslöser könnte eine epigenetische Veränderung am Gen für den Nervenwachstumsfaktor BDNF in einer bestimmten Hirnregion sein, die für das Fürsorgeverhalten wichtig ist (mediales präoptisches Areal). Schließlich behandelten die Forscherinnen die Ratten kurz nach der Geburt ihrer eigenen Kinder mit dem Medikament Zebularin, das die Methylierung der DNA verringert. Anschließend war das Fürsorgeverhalten der Tiere normal, die Epigenetik am untersuchten Gen war es ebenfalls, und das Gen wurde genauso stark abgelesen wie bei gewöhnlichen Ratten.

Das Medikament dürfte allerdings an einer vorgeschalteten Stufe ansetzen, denn das BDNF-Gen war nun sogar stärker methyliert als zuvor. Dafür spricht auch eine weitere Beobachtung: Jene Ratten, die keine Ablehnung als Jungtiere erlebt hatten, veränderten sich durch das Zebularin in die ungewünschte Richtung. Sie begannen auf einmal, ihre Jungen zu vernachlässigen.

Für die Beeinflussung der menschlichen Psyche kommt das Medikament zwar nicht in Betracht. Aber die Experimente belegen eindrücklich, dass es wohl tatsächlich die Epigenetik ist, die die Tiere und wahrscheinlich auch uns Menschen zeitlebens prägen kann. Also sollte man in Zukunft zur Bekämpfung von Fehlentwicklung vielleicht auch auf so genannte sanftere Ansätze zurückgreifen, die die Epigenetik ebenfalls verändern: Psychotherapie, Ernährung oder Bewegung zum Beispiel. Keller und Kolleginnen regen jedenfalls an, nun auch die Wirkung solcher Einflüsse auf vernachlässigte Ratten zu untersuchen.

Einen Hintergrund-Artikel zum Thema mit vielen Details lesen Sie im Online-Magazin Erbe&Umwelt bei RiffReporter.de: www.riffreporter.de/erbe-umwelt-peter-spork/vernachlaessigung/

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