Wird auch geistige Leistungsfähigkeit epigenetisch vererbt?

26. September 2017 | Von | Kategorie: grundlagenforschung

Eva Benito et al.: RNA-dependent intergenerational inheritance of enhanced synaptic plasticity after environmental enrichment. bioRxiv preprint, 20.08.2017, doi: 10.1101/178814.

 Regelmäßiger Ausdauersport und geistiges Training erhöhen gemeinsam die Flexibilität des menschlichen Gehirns und schützen so zumindest ein wenig vor Morbus Alzheimer und anderen komplexen kognitiven Erkrankungen. Auch bei Mäusen kann man messen, dass sich die synaptische Plastizität ihrer Gehirnzellen – also die Fähigkeit, Kontakte untereinander zu verändern – nachhaltig steigert, wenn diese in einer „angereicherten Umwelt“ mit vielen Artgenossen und Spielmöglichkeiten leben. Nun fanden Forscher aus Göttingen heraus, dass dieser Effekt sogar an später gezeugte, in einer gewöhnlichen Umwelt aufwachsende Kinder vererbt wird.

Damit bestätigen die Göttinger nicht nur frühere Resultate, sie beobachten das Phänomen erstmals auch bei Tieren, die erst als Erwachsene gefördert wurden. Außerdem entdeckten die Forscher, dass für die Vererbung wohl die epigenetisch aktive Mikro-RNA 212/ 132 mitverantwortlich ist. Diese ist in den Spermien der Tiere gehäuft, und eine Hemmung ihrer Aktivität in den befruchteten Eizellen blockiert die Vererbung. Interessanterweise sind die Nachkommen aber nicht nur neurobiologisch flexibler und somit wohl resilienter gegen geistigen Verfall im Alter, sie sind auch schlauer. Denn sie schneiden in kognitiven Tests besser ab als Vergleichstiere. Hierbei spielt die eingekreiste Mikro-RNA allerdings keine Rolle. Es dürfte also noch weitere Wege der Vererbung erworbener neuronaler Plastizität geben.

Und noch ein Befund fällt auf: Anders als zum Beispiel bei den Folgen eines frühkindlichen Traumas (siehe Newsletter Epigenetik 03/2010: Sind Traumata vererbbar), sind die Enkel der trainierten Tiere unauffällig. Die Keimbahn der Kinder ist also anders als jene der Väter nicht betroffen. Doch so oder so: Bestätigen sich die übrigens bislang nur vorab publizierten und noch nicht von unabhängigen Kollegen geprüften Befunde eines Tages bei Menschen, heißt es für kinderlose Männer, die sich in absehbarer Zeit möglichst schlaue und bis ins Alter gesunde Kinder wünschen: Laufen, laufen, laufen. Und ganz viel knobeln.

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