Chronischer Stress macht epigenetisch alt

15. Januar 2016 | Von | Kategorie: grundlagenforschung

Anthony S. Zannas et al.: Lifetime stress accelerates epigenetic aging in an urban, African American cohort: relevance of glucocorticoid signaling. Genome Biology 16, 17.12.2015, 266.

Dass chronischer, also dauerhafter, so genannter toxischer Stress Menschen rascher Altern lässt und das Risiko für Alterskrankheiten wie Diabetes, Demenz, Herzinfarkt oder Krebs erhöht, ist schon lange bekannt. Nun zeichnet sich ab, dass dabei epigenetische Veränderungen eine zentrale Rolle spielen. Cortisol und andere Stresshormone aus der Gruppe der Glucocorticoide scheinen die Epigenome der Körperzellen systematisch umzuschreiben, wenn sie ständig im Übermaß vom Körper ausgeschüttet werden. Für diese Vermutung sprechen die Resultate einer aktuellen Studie eines deutsch-amerikanischen Forscherteams.

Anthony Zannas vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und Kollegen analysierten Blutzellen von knapp 400 Afroamerikanern und untersuchten, inwiefern sich der im Laufe des Lebens angesammelte Stress auf die epigenetischen Schalter der Zellen ausgewirkt hatte (übrigens die gleichen Proben, wie in der Meldung Oxytocin mischt mit). Die Forscher entdeckten, dass das Muster der DNA-Methylierung in den Zellen umso mehr jenem älterer Menschen entsprach, je mehr Stress die Menschen über längere Zeiträume hinweg im Laufe ihres Lebens ausgesetzt waren. Mussten sie ausschließlich in früher Kindheit oder nur in der Zeit vor der Blutentnahme starke Belastungen ertragen, hatte das keinen Einfluss.

Aus früheren Untersuchungen weiß man, dass sich das Alter eines Menschen ziemlich genau anhand typischer Veränderungen des Musters der an die DNA angelagerten Methylgruppen abschätzen lässt (dieser Newsletter berichtete mehrfach, siehe das Stichwort Alterung auf newsletter-epigenetik.de). Zannas und Kollegen benutzten diese „epigenetische Uhr“ für die Bestimmung des biologischen Alters ihrer Probanden. Dabei zeigte sich, dass das epigenetisch geschätzte Alter umso stärker nach oben von dem tatsächlichen Alter abwich, je mehr Stress die Menschen erlebt hatten. Betroffen war dabei vor allem die Steuerung solcher Gene, die unter dem Einfluss von Stresshormonen stehen. Außerdem zeigten sich Veränderungen bei Genen, die in Zusammenhang mit Alterskrankheiten gebracht werden.

Diese Indizien legen nicht nur nahe, dass die Epigenetik das lange gesuchte Missing Link ist, über das chronischer Stress Menschen rascher Altern lässt und zudem das Risiko für Alterskrankheiten erhöht. Sie lassen auch hoffen, dass man schon bald mit Hilfe epigenomischer Analysen von Blutproben das Risiko eines Menschen, beispielsweise eine Herz-Kreislauf-Krankheit oder Demenz zu bekommen, besser abschätzen kann. Dann könnte man frühzeitig vorbeugende Maßnahmen ergreifen.

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