Typische Kennzeichen von Krebs auch epigenetisch erklärbar

20. Juli 2017 | Von | Kategorie: onkologie

William A. Flavahan, Elizabeth Gaskell & Bradley E. Bernstein: Epigenetic plasticity and the hallmarks of cancer. Science 357, 21.07.2017, eaal2380.

Diese Frage wird immer wieder gestellt: Wie entscheidend tragen epigenetische Veränderungen zur Entstehung von Krebs bei? Folgt man den Argumenten des bekannten Epigenetikers Bradley Bernstein und seiner Kollegen von der Harvard Medical School in Boston, USA, dann können epigenetische Veränderungen einer Zelle zumindest theoretisch alle Kennzeichen bedingen, die für Krebs typisch sind.

In einem Übersichtsartikel für das Fachblatt Science nennen die Forscher Beispiele für klassische genetische Mutationen, die den Bauplan für epigenetische Enzyme betreffen und deshalb das epigenetische Gleichgewicht der Zelle verändern. Erst das bringt schließlich den Krebs in Gang. Dann berichten Bernstein und Kollegen über Krebserkrankungen, bei denen epigenetische und genetische Veränderungen mehr oder weniger gemeinsam am Beginn der bösartigen Entartung von Zellen stehen. Und sie beziehen sich auf Studien, die zeigen, wie epigenetische Veränderungen völlig unabhängig von anderen genetischen Einflüssen die Zellen und ihre Tochterzellen immer mehr in Richtung Bösartigkeit treiben. Den „Startschuss“ können dabei sowohl Signale des Stoffwechsels als auch Umwelteinflüsse geben.

All diesen Beispielen gemein sei, dass sich die epigenetische Landschaft der gesunden Zellen verändere, schreiben die Forscher. Die Anpassungsfähigkeit der Zellen würde entweder zu starr, so dass vor Krebs schützende Gene inaktivierbar würden, was letztlich indirekt doch wieder die Wandelbarkeit der Zelle erhöhe. Oder die Berge in der epigenetischen Landschaft verflachten sich zunehmend, die Zellen würden deshalb allzu plastisch und entwickelten sich mit zunehmendem Risiko auch in Richtung Bösartigkeit. Die molekularbiologischen Veränderungen, die aus derartigen epigenetischen Ungleichgewichten entstünden, wären zwar zufällig, die meisten von ihnen wären deshalb auch nur harmlose „Passagiere“. Aber es reichten einige wenige, als „Antreiber“ bezeichnete krank machende Ereignisse aus, und das Gewebe würde entarten.

Die beachtenswerte, daraus abgeleitete neue Hypothese zur epigenetischen Entstehung von Krebs lautet, dass es unabhängig vom Auslöser eine außergewöhnliche epigenetische Plastizität ist, die die Zelle in ein kritisches Krebs-Vorstadium oder direkt in den Krebs treibt. Dieses Ungleichgewicht wird an die Tochterzellen innerhalb eines Tumors weitergegeben. Deshalb seien die erkrankten Zellen eines Patienten oft so unterschiedlich. Ein besseres Verständnis dieser Prozesse werde die Diagnostik von Krebs – etwa mit epigenetischen Biomarkern – und die Behandlung des Leidens – etwa mit epigenetischen Medikamenten – beschleunigen, geben sich Bernstein und Kollegen optimistisch.

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